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Warum ich nicht "streike"
In den vergangenen Wochen wurde in unserer Jahrgangsstufe eifrig diskutiert, ob man zum sogenannten "Q11-Bildungsstreik" fahren, oder dies unterlassen solle. Das wurde mitunter auf recht emotionale und unsachliche Weise getan, wovon ich hiermit Abstand nehmen möchte.
Dennoch möchte ich ein paar Fragen aufwerfen, deren erste ist: "Wozu das Ganze?". Gewiss, in unserem Bildungssystem ist bei weitem nicht alles perfekt, doch war es das etwa in der - oft verklärten - G9-Zeit? Schon immer musste man sich, wenn man auf das Gymnasium ging, und dort auch bleiben wollte, anstrengen; manche taten sich hierbei schwerer, manche leichter - wie heute eben auch. Wer nicht dazu imstande war, hatte auf eine andere Schulart zu wechseln. Das ist auch heute noch so und das ist auch richtig so. Es gibt einfach kein Naturrecht auf das Abitur. Selbiges ist nunmal nur durch Leistung zu erlangen, sonst wäre es nichts wert.
Für diese muss man eben hin und wieder ein paar Stunden opfern. Aber kann irgendjemand von uns behaupten, wirklich überhaupt keine Freizeit mehr zu haben? Soweit ich mich umgehört habe, nicht. Die meisten nämlich haben inzwischen - in mindestens 10 Jahren - ein gesundes Gleichgewicht zwischen Schule und Privatem entwickelt, die anderen Fälle sind bedauerlich, aber leider hinzunehmen.
Oft wird von den Kritikern auch die Stoffdichte des neuen Lehrplans bemängelt. Diese hat aber durchaus auch einen Vorteil: man langweilt sich weniger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von uns ernsthaft sieben Stunden lang ein und den selben Stoff durchkauen möchte - im G9 kam das nicht selten vor. Hier mag eingewandt werden, dies würde das Verständnis der Thematik erleichtern. Die Erfahrung lehrt jedoch: je länger gekaut wird, desto ekliger wird die Speise, desto schlechter behält man sie in sich. Das ist beim Essen nicht anders als beim Lernen. Die rasche Stoffabfolge hat außerdem den unbestreitbaren Vorteil, dass man häufig auch nur oberflächliches Wissen vermittelt bekommt, welches dann schon ausreicht. Vertiefte Kenntnis ist nicht mehr in der Weise nötig, wie sie es früher war. Bald schon folgt das nächste Kapitel, in welchem man sein Glück versuchen kann. Chancen lauern überall, es gilt sie nur zu ergreifen. Wer dies nicht vermag, soll sich nochmal das oben geschriebene ins Gedächtnis rufen.
Das haben die Organisatoren des "Streiks" anscheinend nicht getan. Sie rufen mit nachfolgenden, zum Teil unklaren, Forderungen zur Demonstration auf:

Sofort:
Überarbeitung der Lehrpläne und Reduzierung der Stofffülle
mehr Lehrer und kleinere Kurse
bessere Vorbereitung auf die Anforderungen der Oberstufe
gerechte Abituraufgaben (Grundkursniveau) und Chancengleichheit im Hinblick auf den doppelten Abiturjahrgang
bessere räumliche Voraussetzungen (Aufenthaltsräume)
bessere Busanbindungen für die Schüler im ländlichen Raum

Für die nachfolgenden Jahrgänge:
Mehr Zeit für Bildung
Wahlfreiheit zwischen G8 und G9
weniger Stunden in der Oberstufe, z.B. durch Abschaffung der wenig effektiven und teuren Intensivierungsstunden und damit mehr Fachstunden in Unter- und Mittelstufe
dafür mehr Lehrer und kleinere Klassen
mehr Wahlfreiheit in der Oberstufe bzgl. der Abiturfächer
Umstellung des Systems auf echten Ganztagsschulbetrieb mit entsprechender räumlicher und personeller Ausstattung
damit mehr Zeit für musische, sportliche und soziale Angebote an den Schulen

Das hört sich alles ganz gut an, an Notwendigkeit und Realisierbarkeit wurde allerdings nicht gedacht.
Die genannten Sofortmaßnahmen hat das Kultusministerium mittlerweile schon in Angriff genommen - die Lehrpläne werden überarbeitet; es werden mehr Lehrer eingestellt (für viele Fächer gibt es aber einfach keine weiteren mehr); die Abituraufgaben haben Grundkursniveau - weshalb würden sich sonst manche über zu viel Stoff beklagen? Es gibt außerdem Aufenthaltsräume - was sonst ist unser Q-Raum? Und bessere Busverbindungen für den ländlichen Raum sind nicht ernsthaft realisierbar: selbst das kleine, weit entfernte Dorf, in dem ich wohne, wird am Tag von vier Bussen angefahren. Das muss genügen; es lohnt sich nicht, wegen nur ein oder zwei Schülern, die ihn benutzen würden, einen zusätzlichen Bus fahren zu lassen. Das wäre auch nicht finanzierbar. Wenn sie eine "bessere Vorbereitung auf die Anforderungen der Oberstufe" fordern, übersehen die Veranstalter wohl, dass es, als diese für uns hätte stattfinden sollen, die neue Oberstufe noch gar nicht gab und es ergo auch keine Möglichkeit dazu gegeben hätte. Nun werden aber endlich Erfahrungen damit gemacht, die in künftigen Jahrgängen selbstverständlich dienlich sein werden. Der Übergang in die Oberstufe - früher: Kollegstufe - war darüber hinaus immer eine Umstellung, das ist nichts G8-spezifisches.
Es werden weiterhin noch Forderungen für die nachfolgenden Jahrgänge aufgestellt, eine davon lautet: "Mehr Zeit für Bildung", was das genau heißen soll, erfährt man nicht. Soll etwa erreicht werden, dass wir noch mehr Zeit in der Schule verbringen sollen, und die Freizeit tatsächlich weniger wird? Wie wir dem dritten Punkte, der Ganztagesschulen verlangt, entnehmen können: ja. So soll "mehr Zeit für musische, sportliche und soziale Angebote an den Schulen" bereitstehen. Das tut sie aber schon. An unserer Schule gibt es diesbezüglich reichhaltige Auswahlmöglichkeiten, die nur genutzt werden müssen, was auch geschieht. Ich sehe hier keinen Änderungsbedarf. Ebenfalls steht eine größere Wahlfreiheit für die Abiturfächer auf dem Wunschzettel. Ich möchte dem allerdings entgegensetzen, dass Fächer wie Mathematik und Deutsch, wie auch eine Fremdsprache in jedem Beruf vonnöten sind, und es deshalb nur folgerichtig ist, sie entsprechend zu gewichten. Kein Arbeitgeber kann in qualifizierte Positionen mit Menschen besetzen, die keine Text verstehen und keine Rechnungen lösen können, oder kaum Fremdsprachenkenntnisse haben. Die Tatsache, sich in den genannten Gebieten auf das Abitur vorzubereiten, dürfte einen zusätzlichen Ansporn darstellen, sich in ihnen anzustrengen. Manch einer mag nun einwenden, der Erfolg hänge von der Begabung im jeweiligen Fach ab. Das ist richtig, aber ich sage auch: Begabung hin oder her - manches muss eben jeder können.
Schließlich fordern die werten Veranstalter, eine "Wahlfreiheit zwischen G8 und G9". Die Frage ist nun, wie soetwas realisiert werden soll - etwa mit einem zweigeteilten Gymnasium? Mit Wahlmöglichkeit in der fünften Klasse (in welcher man, wohlgemerkt, noch keine Vorstellung davon hat, was auf einen zukommt)? Hier muss man wahrhaft von Phantasterei sprechen; ein solcher Vorschlag hätte niemals eine Chance auf Realisierung. Es ist also nur sinnlos, dafür auf die Straße zu gehen.
In der Arbeitswelt, aus welcher dieses Mittel abgeschaut ist, setzt jeder Streik bereits - ergebnislose - Verhandlungen der (Tarif-)Parteien voraus. Ich frage: wann haben diese hier stattgefunden? Nie. Es ist schlicht inkonsequent, sich in der Nachahmung von Tarifparteien zu üben, dann aber zuerst mit dem Arbeitskampf zu beginnen. Es drängt sich wieder der Eindruck auf, hierbei geht es primär um Provokation. So ist allerdings keine Lösung zu erwarten, welche den Veranstaltern doch angeblich so wichtig ist.
Wer sind diese überhaupt? Ein Blick auf die Internetseite des "Q11-Bildungsstreiks" gibt wenigstens über die Namen Aufschluss, die uns jedoch gänzlich unbekannt sind. Wir kennen sie nicht und wissen insofern auch nichts über ihr Alter, ihre Schulbiographie und ebensowenig über ihren politischen Hintergrund. Ich halte es für durchaus fragwürdig, ja sogar gewagt, sich einer von solchen "Dunkelmännern" geführten Demonstration anzuschließen. Man lässt sich von ihnen einspannen, ob für ihre Ziele, oder für die eigenen - man weiß es nicht.

All das veranlasst mich dazu, nicht am "Q11-Streik" teilzunehmen.

Unter den obengenannten Gründen habe ich einen nicht genannt: die Drohung der Schulleitung, die Teilnehmer des "Streiks" mit Verweisen, sowie Nachholstunden zu bestrafen. Das habe ich aus gutem Anlass unterlassen: man sollte sich DAVON wirklich nicht abhalten lassen. Was bekommt man aber von vielen Mitschülern zu hören? Sie wollen nur deshalb nicht zum Streik, weil sie keinen Verweis erhalten wollen! Das ist lächerlich. Wer eine Meinung hat, der soll sie auch vertreten; wenn es sein muss, auch auf der Straße - selbst wenn er hierfür Sanktionen zu befürchten hat. Wer dazu jedoch nicht bereit ist, ist entweder feige, oder er meint es nicht ernst. Beides scheint in unserer Q11 sehr häufig anzutreffen sein, die Unzufriedenheit kann also gar nicht so groß sein.
Wie ich dargelegt habe, halte ich nichts von diesem "Streik". Denen aber, die dennoch, allen Widernissen zum Trotz, am Freitag für ihre Überzeugung nach München fahren, kann ich meinen Respekt nicht versagen. Ihnen rufe ich zu: fahrt! Geht demonstrieren! Kämpft für eure Überzeugung!

...Aber lasst mich damit in Ruhe.

F. T. Krämer
Autor: FTK
erstellt am 06.02.2010 20:42 - aktualisiert am 10.02.2010 21:38
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Paddy

07.02.2010 10:36
Sehr gut dargelegt FTK, wirklich, ih finde die Thesen und Gründe für bzw gegen den Streik sehr gut erläutert und beleuchtet

sehr gut ist insbesondere der schlussatz :  ... Aber lasst mich damit in Ruhe.
claudia

07.02.2010 13:43
Ja, ist dir wirklich gut gelungen!
Ich bin schon gespannt, was die Befürworter des Streiks dazu sagen. ;)
BenniBones

02.03.2010 17:33
Wie immer ein bisschen wie son kommunistisches manuskript formuliert aber im Grunde denke ich hast du recht auch wenn man in einigen punkten nicht von unserer schule auf andere schulen schließen sollte.
Hätte wir einen uafenthaltsraum wenn wir ihn nicht selber dazu ernannt hätten? - Nein also sollte man nicht erwarten das alle schulen einen aufenthaltsraum für die q11 haben.
Aber der aufenthaltsraum ist ja glaube ich mal das geringste übel^^